Baugruppe verwandelt altes Klinikgebäude in Hannover-Linden in modernen Wohnraum
Gemeinschaftlich neuen Wohnraum schaffen

Die private Bauherrengemeinschaft um Andrea Kaemmerer will 1.780 qm Gebäudefläche in 15 unterschiedliche Wohnungen verwandeln. (Foto: Thomas Langreder)

Schmuck wird es in jedem Fall, das Gebäude, das die Bauherrengemeinschaft seit Mitte 2014 umbaut: „Wohnraum gemeinsam selbst entwickeln“ war und ist der Antrieb der Gruppe, die sich seit 2009 gebildet hat - zunächst aus Freunden und Bekannten, später auch mit gezielt gesuchten Mitstreitern. Seit dem Kauf 2013 steht die Gesellschaft von 12 Eigentümern, die in Selbstverwaltung eine Gebäudefläche von 1.780 qm in 15 unterschiedlich große Wohnungen umwandeln wollen. Unter ihnen sind Singles, Paare, Alleinerziehende und Familien mit Kindern - von 0 Jahren, also gerade geboren, bis zu 65 Jahren reicht die Altersspanne.

Andrea Kaemmerer und ihr Lebensgefährte sind seit 2013 mit von der Partie. Die Volkswirtin beschreibt die Vorteile des künftigen Wohnens: „Der Standort ist attraktiv, das Haus liegt zentral und zugleich am Grüngürtel der Stadt, mit der Ihme direkt vor der Haustür.“ Die Möglichkeit, den Bauprozess in einer Gruppe mitzugestalten, schätzt sie sehr. Auch wenn dafür schon über 70 Gesellschafterversammlungen zusammengekommen sind und es vieles zu bedenken und zu entscheiden gilt. Kaemmerer sieht den Bauprozess dennoch nur positiv: „Wann hat man sonst schon die Gelegenheit, seine Nachbarn von Anfang an zu kennen?“

„Orsolindo”-Gruppe ist nicht allein

Die Gruppe ist nicht auf sich allein gestellt. Ein Energieberater wurde noch vor dem Kauf ins Boot geholt, um das energetische Gesamtkonzept mit zu entwickeln und die Fördermöglichkeiten auszuloten. Für die Umsetzung der Modernisierung im Standard „KfW 70“ hat die „Orsolindo“-Gruppe den Architekten Richard Sprenger und dem Projektentwickler Dirk Felsmann beauftragt. Er ist bei den 2-wöchentlichen Gesellschafterversammlungen immer dabei, die jedes Mal von einer Kleingruppe vorbereitet werden, damit sich die Versammlung nicht in Detailfragen verliert.

Und eine weitere außenstehende Person leistet sich die Bauherrengemeinschaft, denn es ist ihr Ernst mit dem Zusammenhalt - Till Strehlke fungiert seit dem Kauf 2013 als Moderator und Unterstützer der Gruppe. Der Wirtschaftsjurist mit zusätzlicher systemischer Beratungsqualifikation: „An ein solches Projekt muss man glauben und sich auf einen langen Prozess einstellen. Vor den Beteiligten liegt ein riesiger Berg an Aktionen. Ein Bestandsgebäude aus dieser Zeit, ohne Baupläne - das ist schon eine echte Herausforderung.“ Strehlke sieht seinen Part darin, dafür zu sorgen, dass alle mitgenommen werden, „der Einzelne nicht aus dem Auge verloren wird“.

Balance halten und Kompetenzen bündeln

Die Balance bekomme die Gruppe sehr gut hin, attestiert er den Orsolindo-Gesellschaftern: „Die Gruppe hat außerdem großes Glück, dass sie so viele Kompetenzen vereint“, hebt er hervor. So gibt es u.a. eine Finanzgruppe, die aus 3 Leuten besteht. Die Geschäftsführung haben ein Mediziner und ein Wirtschaftswissenschaftler übernommen. Versierte Verwaltungsfrauen, ein Jurist, ein Bauingenieur, ein Maurermeister mit Baugeschäft, eine Künstlerin und auch eine gärtnerisch bewanderte Kunsttherapeutin komplettieren die geballte Mischung unterschiedlicher Fähigkeiten, die dem Projekt zugutekommen.

Gegenüber den Handwerksbetrieben tritt die Eigentümergemeinschaft als „ein Bauherr“ auf, gegenüber der Bank haftet aber keiner für den Kredit des anderen. Anfallende Rechnungen werden aufgeteilt, entsprechend dem Eigentumsanteil. Vorteilhaft ist, dass der Großteil der Gruppe ihr Darlehnskonto bei einer regionalen Bank hat.

Spagat zwischen Anspruch und den Möglichkeiten

„Es ist ein Spagat zwischen ökologischem Anspruch und finanziellen Möglichkeiten“, so Andrea Kaemmerer. Die KfW-Darlehen und auch die proKlima-Förderung helfen bei der Umsetzung. Um deren Anforderungen zu erfüllen, sind entsprechende Dämmmaßnahmen vorgesehen: Mineralwoll- Dämmverbundsystem für die Außenwände, 3-Scheiben- Wärmeschutzfenster, aber auch Lüftungsanlagen. Der Anschluss an Fernwärme ist eine naheliegende Wahl.

Und auch für die Mauersegler, deren Nester mit dem Abriss des Daches verlorengingen, wird es Ersatz geben - mit 8 einfach anzubringenden Nistkästen vom BUND. Am Ende des Bauprozesses wird das Gemeinschaftsgefühl sogar einen Ort haben, an dem es weiterleben und wachsen kann - ein Gemeinschaftshaus, das sich auch dem Stadtteil öffnen soll. Als erstes wird wohl darin der Einzug gefeiert - im Frühjahr 2016, so die bisherige Planung, soll es endlich so weit sein.

Verena Michalek, Projektleiterin beim enercity-Fonds proKlima, begrüßt das Engagement der Baugruppe: „Wir freuen uns sehr über solche Projekte, bei denen die Bauherren, trotz aller Herausforderungen im Bauprozess, auch an die zukunftsfähige Energieeffizienz ihres Gebäudes denken. Damit sichern sie sich langfristig, neben niedrigen Energiekosten, auch sehr viel Behaglichkeit und Wohnkomfort.“

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