Interview mit BFW-Geschäftsführer David Huber in „Niedersachsen Liberal“
Schnelle Entscheidungen und lohnende Anreize für preiswerten Wohnraum

Zuerst einmal die Frage: Wer oder was ist der BFW?

Huber: Hinter dem Kürzel „BFW“ steht Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen. Als Geschäftsführer des Landesverbandes Niedersachsen / Bremen, dem vor allem inhabergeführte Familienunternehmen aus dem Mittelstand angehören, vertrete ich deren Interessen.

Unsere Mitglieder sind Bauträger, Projektentwickler, freie Bestandshalter und WEG-Verwalter. Bei diesen finden derzeit ca. 3.500 Mitarbeiter eine gut bezahlte und nahezu krisensichere Beschäftigung.

Unsere Mitgliedsunternehmen haben im letzten Jahr allein in Niedersachsen und Bremen etwa 4.200 Wohnungen in unterschiedlichster Form (Einfamilienhäuser, Reihenhäuser und vor allem Wohnungen in Mehrfamilienhäusern) gebaut und übergeben.

Zudem verwalten unsere Mitglieder derzeit ca. 45.000 Wohnungen, die entweder im Eigenbestand der Unternehmen sind oder eben in der WEG-Verwaltung geführt werden.

Dazu kommt eine nicht unerhebliche Fläche im Gewerbebereich - einige der Mitglieder entwickeln, bauen und verwalten auch Gewerbebauten.

In Niedersachsen wird derzeit intensiv über Wohnungsbau und Wohnungsknappheit diskutiert. Wie sehen Sie diese Situation?

Huber: Wir sehen die Situation in Niedersachsen mit sehr gemischten Gefühlen: Der Wohnungsmarkt in Niedersachsen ist sehr heterogen, soll heißen, wir haben viele Gebiete, in denen jetzt schon ein Wohnungsüberhang ist, der sich in Zukunft noch verschärfen wird.

Andererseits haben wir auch viele Gebiete, in denen bezahlbarer Wohnraum knapp ist und in Zukunft, bedingt durch verschiedene Faktoren, noch knapper wird. Verschärft wird die Situation derzeit sicherlich auch durch den Umstand, dass täglich viele Menschen aus Kriegsgebieten zu uns kommen und hier Schutz und Unterkunft suchen - und auch brauchen.

Was bedeutet das konkret für die Praxis?

Huber: Konkret bedeutet das, dass die Kommunen jetzt vor einer riesigen Herausforderung stehen: Einerseits muss möglichst schnell die Möglichkeit geschaffen werden, die Menschen in festen Unterkünften unterzubringen.

Der insgesamt zur Verfügung stehende Raum in Leerstandswohnungen und Hotels, Turnhallen, Zelten oder ungenutzten Gewerbeflächen geht zur Neige.

Damit treten diese Menschen jetzt in den Konkurrenzkampf um kleine, bezahlbare Wohnungen mit ein und belasten den Markt weiter, was natürlich auch Spekulanten Tür und Tor öffnet. Das gilt es zu unterbinden. Andererseits gibt es auch Bestrebungen, gerade im Bereich der Übergangswohneinrichtungen, die neu errichtet werden, die geltenden Normen in Bezug auf EnEV, auf EEG und Schallschutz zu unterlaufen.

Das ist ein durchaus sehr bedenklicher Trend, da es den „normalen“ Neubau enorm benachteiligt. Wir sehen die Gefahr, dass diese Bauten nach der Erstnutzung eben nicht abgebaut werden, sondern einer weiteren Verwendung zugeführt werden.

Und damit haben wir in absehbarer Zeit zusätzlichen Wohnraum geschaffen, der später nur mit enormen Anstrengungen auf den dann aktuellen Stand der Technik gebracht werden muss. Daher kann es nur eine Lösung geben: Egal, was immer auch zu Wohnzwecken gebaut wird - es muss zwingend den geltenden Normen entsprechen.

Wie sieht denn die Lösung aus Ihrer Sicht aus?

Huber: Nun, wir als Interessenvertretung der Wohnungswirtschaft arbeiten sehr eng mit den Landesregierungen zusammen und sind daher auch in den entscheidenden Gremien vertreten. Wir haben dazu auch ein Positionspapier verfasst und veröffentlicht, in dem wir die 10 wichtigsten Punkte aufgelistet haben:

  1. Stoppen der „Grundstückspreis-Rally“.
  2. Senkung der Anforderungen an den Neubau, auf das derzeit geltende Mindestmaß.
  3. Senkung aller kommunalen Sonder-Anforderungen an den Neubau.
  4. Vergabe geförderter Grundstücke zum Zweck des Mietwohnungsneubaus.
  5. Sinnvolle Kombination aus Landesförderung und kommunaler Förderung.
  6. Abnahmegarantie der so von Bauträgern erstellten und geförderten Wohnungen durch kommunale Unternehmen.
  7. Zusammenarbeit der Kommunen und den privaten Unternehmen auch in Form von PPP-Projekten.
  8. Schnellere Bearbeitung der Bauanträge in den Bauämtern.
  9. Einheitliche Beurteilung von Bauanträgen unter Berücksichtigung einzelner, kommunaler Bauvorschriften.
  10. Ende der Diskussion um Erhöhung der Grunderwerbsteuer und Grundsteuer B sowie Einfrieren der kommunal verursachten Baunebenkosten

Darüber hinaus ist es aus unserer Sicht auch erforderlich, dass die Länder den Bundestagsbeschluss von Anfang Februar, (eine Sonder-AfA) im Bundesrat zulassen und auch beschließen - denn dies ist ein weiterer wichtiger Schritt zur Erstellung von bezahlbaren Wohnraum.

Ihr Verband ist aber weit mehr als die politische Vertretung von Unternehmen. Was machen Sie darüber hinaus?

Huber: Das ist in der Tat so, dass wir mehr als nur die politische Vertretung sind. Wir diskutieren die aktuellen politischen Entwicklungen ja nicht nur mit der Politik und Verwaltung, wir informieren natürlich unsere Mitgliedsunternehmen. Das heißt, wir veranstalten immer wieder Seminare, in denen wir die Veränderungen darstellen und auch Lösungswege aufzeigen.

Zudem bieten wir im Rahmen der Seminare auch eine Plattform, auf der sich Unternehmerinnen und Unternehmer der Branche austauschen können.

In enger Kooperation mit Industrie-Unternehmen, bieten wir unseren BFW-Mitgliedern aber auch Einkaufsvorteile, die durch den Abschluss von Rahmenverträgen generiert werden können.

Was ist denn aktuell die größte Herausforderung an Unternehmen?

Huber: So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. Derzeit haben wir ja eine Zeit der Hochkonjunktur, die Auftragsbücher sind voll, die Nachfrage nach Wohnraum in allen Segmenten ist ungebrochen.

Aber wir sehen schon dunkle Wolken am Horizont aufsteigen, denn diese Hochkonjunktur hat ihre Probleme - so fällt es z.B. immer schwerer, qualifiziertes Personal zu bekommen.

Bei unseren Unternehmen arbeiten überwiegend Hochschulabsolventen: Techniker und Ingenieure sind sehr gesucht, der Markt ist leergefegt und unsere Hochschulen bringen es derzeit nicht auf die erforderlichen Absolventenzahlen.

Dazu kommt, dass es viel zu wenig gut ausgebildete Handwerker gibt. Selbst wenn wir die Projektierung entsprechender Immobilien vorantreiben, wir bekommen sie nicht umgesetzt. Hier ist auch das Bildungssys-tem gefragt: Es kann nicht der alleinige Weg sein, alle jungen Menschen, ob geeignet oder nicht, in den Weg des Studiums zu drängen.

Das Handwerk muss in unserem Bildungssystem einfach deutlich besser verankert werden und als echte und attraktive Chance der beruflichen Entwicklung der jungen Menschen dargestellt und vermittelt werden.

Handwerk ist heute ein hochkomplexes Betätigungsfeld geworden: Bedingt durch die EnEV, das EEG und die strengen Normen z.B. in Bezug auf Schallschutz etc. werden an die Menschen immer höhere Anforderungen gestellt. Die Mitarbeiter müssen ständig weitergebildet werden und sich auf neue Techniken einstellen.

Stichwort „EnergieEinsparVerordnung“ (EnEV) - bitte dazu Ihre Meinung?

Huber: Ja, die EnergieEinsparVerordnung - das ist in der Tat ein Reizthema geworden. Ich möchte vorausschicken, dass ich persönlich und auch wir als Verband es für sinnvoll erachten, mit den Ressourcen sparsam umzugehen und Energie zu sparen. Aber das darf nicht einseitig zu Lasten der Neubauten gehen. Und genau das ist aber der Fall, denn allein die jüngste Verschärfung der Normen zum 1. Januar 2016 hat zu einer Verteuerung der Neubauten von ca. 7 bis 12 Prozent geführt.

Das ist einerseits auf die Verteuerung der Baumaterialen, aber auch auf die Steigerung der Planungs- und letztlich auch der Arbeitskosten am Bau zurückzuführen. Und die Auswirkungen der Verschärfung auf den Klimawandel und den Energieverbrauch sind marginal.

Wir vertreten die Meinung, dass das gesamte EnEV-Regelwerk auf den Prüfstand und gründlich durchforstet werden muss.

Seit der Einführung der EnEV hat die Industrie viel getan und es wurden neue Techniken auf den Markt gebracht, die aber oftmals, aufgrund der starren Vorgaben, gar nicht erst eingesetzt werden können. Hier muss es Lösungen geben, die mehr Flexibilität erlauben. Auf den Punkt gebracht: Die EnEV muss entstaubt werden und frei von der Mitarbeit diverser Lobbyisten in Berlin und Brüssel neu geschrieben werden.

Ein Blick in die nahe Zukunft - wie geht es weiter?

Huber: Man schätzt, dass wir in Deutschland jährlich bis zu 400.000 neue Wohnungen benötigen. In Niedersachsen müssen 12.000 Wohnungen jährlich neu gebaut werden - derzeit sind es 6.000. Das ist schon ein dickes Brett. Unter den derzeitigen Bedingungen wird das Ziel wohl nicht erreicht werden können.

Wir brauchen nun schnelle Entscheidungen und richtige Anreize, um den absehbaren Bedarf zu decken und eine Überhitzung der Märkte zu verhindern. Vor allem aber sollten wir unbedingt verhindern, dass der Verdrängungswettbewerb um preiswerte Wohnungen zunimmt und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen sich gegenseitig ausbremsen.